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European Coalition for Just and Effective Drug Policies

 



Aktuelles
Die hier aufgeführten Artikel geben nicht in jedem Fall die Meinung von akzept wieder!
Die Drogenpolitik muss weltweit neue Wege gehen

Im Jahr 1998 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen eine 10-Jahres-Strategie zur globalen Drogenpolitik. Bis zum Jahr 2008 wollte man den weltweiten Drogenhandel zum Erliegen bringen, den Drogenanbau unterbinden und eine dratische Reduzierung der Nachfrage erreichen.

Die Bilanz dieser Strategie wird auf einem Treffen der Betäubungsmittelkommission der UN am 10.März 2008 in Wien gezogen. Schon nach einem im Dezember 2007 veröffentlichten Zwischenbericht fällt diese Bilanz eindeutig negativ aus. Die 1998 gesetzten Ziele wurden nicht annähernd erreicht, ganz im Gegenteil:

- die weltweite illegale Mohnproduktion hat im Jahr 2007 den Umfang von 8.800 Tonnen erreicht, das ist doppelt soviel wie im Jahr 1998.
- Es wurden im Jahr 2005 ungefähr 42.000 Tonnen Cannabis Pflanzen produziert, das ist ein Anstieg von 40% gegenüber 1998.
- die weltweite Kokain-Produktion betrug 2006 984 Tonnen, das sind 19% mehr als im Jahr 1998.
- die weltweite Nachfrage nach illegalen Drogen stagnierte bei Coca- und Opium- Derivaten; stieg jedoch dagegen bei Cannabis und Amphetaminen an.

Unbestreitbare Tatsache ist, dass die Prohibition mit Mitteln der Strafverfolgung von Drogenanbau und -konsum die Probleme vergrössert hat anstatt sie zu lösen. Während Anbau und Konsum mit Mitteln der Strafverfolgung geahndet werden und so unzählige ´Menschen am unteren Rand der Gesellschaft kriminalisiert sind, wächst der weltweite Drogenhandel ständig. Nach Schätzungen der UN werden jährlich 400 bis 500 Billionen Umsatz im Geschäft mit Drogen getätigt. Da die Produktionskosten nur ca 1% des Strassenhandelspreises betragen, sind die Profitraten der Drogenindustrie enorm. Die Gewinne krimineller Organisationen im Drogenhandel übersteigen das Bruttoszialprodukt vieler Staaten.

Weltweit werden von Regierungsseiten annähernd 40 Billionen Euro pro Jahr für eine ineffektive, kontraproduktive Drogenpolitik ausgegeben. Wäre Drogenprohibition ein privates Unternehmen, es wäre seit langem bankrott!

Ein Umdenken bei den globalen Strategien zur Drogenpolitik ist dringend nötig.

Wenn im Jahr 2009 eine neue 10-Jahrestrategie formuliert wird müssen die derzeitigen Erkenntnisse berücksichtigt und der einseitigen Kriminalisierung von Kleinbauern und nicht prominenten Konsumenten ein Ende gesetzt werden. Dies muss auch im Rahmen der UN Drogenkonventionen realisierbar sein. Ein Immer-Mehr-Desselben schadet dem Ansehen der UN-Einrichtungen und den nationalen Drogenpolitiken insofern, als unrealistische, weltfremde Pläne proklamiert werden, die eher politischen Symbolcharakter, aber keine Realisierungschance besitzen. Ein ungeschönter Blick auf die Realitäten sind gefordert und der Wille, die UN Menschenrechts-Konventionen auch in der Drogenpolitik umzusetzen.

akzept fordert Strategieentwicklungen in der Drogenpolitik jenseits der Orientierung auf Repression,, Drogenpolitiken nämlich die den betroffenen Menschen helfen Risiken zu vermeiden und Abhängigkeiten zu überwinden. Dies bedeutet die Anerkennung eines gesundheitspolitischen Primats in der Drogenpolitik. Letztlich geht das nur über eine kontrollierte Legalisierung von Anbau einerseits und medizinischem und privatem Gebrauch von Substanzen, die seit Jahrtausenden zu Entspannungs-/Genusszwecken genutzt wurden andererseits. Drogenpolitik den kriminellen und offenbar prosperierenden Drogenkartellen zu überlassen, bedeutet jedenfalls eine drogenpolitische Bankrotterklärung. Wir können uns eine nicht nur wirkungslose sondern kontraproduktive Drogenpolitik nicht mehr leisten.

akzept e.V., der Vorstand - Berlin 06.03.2008


Adhoc-Mitteilung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung vom 25.02.2008:
DIAMORPHINBEHANDLUNG WEITERHIN MÖGLICH

Vorwürfe der Grünen sind falsch

Berlin - Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, stellt angesichts der aktuellen Vorwürfe klar: "Die Diamorphinbehandlung kann in den bestehenden Ambulanzen in Bonn, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München unverändert fortgeführt werden. Für die Patienten ändert sich nichts. Kursierende Meldungen, die das Ende der Diamorphinbehandlung an die Wand malen, sind irreführend. Ich trete unverändert dafür ein, dass der Gesetzentwurf des Bundesrates möglichst bald durch den Bundestag verabschiedet wird. Der von den Grünen erhobene Vorwurf des Wortbruchs von SPD und CDU ist deshalb schlicht falsch."

Die rechtliche Grundlage für die Fortführung ist die Ausnahmeregelung nach §°3°Abs. 2°Betäubungsmittelgesetz. Eine Genehmigung der Diamorphinbehandlung auf dieser Basis haben alle sieben Standorte erhalten. Für Hamburg und München läuft die Frist bis Mitte 2008, für alle anderen Städte bis Mitte 2010. Frankfurt, Karlsruhe und Köln können aufgrund ihres Antrags auch neue Patientinnen und Patienten in die Behandlung aufnehmen; die anderen Standorte hatten auf diese Erweiterungsmöglichkeit im Antrag verzichtet.

Die Bundesregierung hat das Heroinmodellprojekt und die bisherige Fortführung der Diamorphinbehandlung mit über 15 Millionen Euro gefördert. Eine weitere Bezuschussung der Behandlung aus Bundesmitteln ist nicht möglich, da alle Forschungsfragen beantwortet sind. Gemessen an den gesamten Behandlungskosten ist der Anteil der Bundesförderung für die laufende Behandlung vergleichsweise gering; für die finanzielle Absicherung der Behandlung spielen diese Beträge keine entscheidende Rolle. Sabine Bätzing: "Die Fortführung der Diamorphinbehandlung liegt mir unverändert am Herzen. Deshalb unterstütze ich die geplante Förderung der Qualitätssicherung der weiteren Diamorphinbehandlung durch das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg aus Mitteln des Bundesministeriums für Gesundheit."

Link: http://www.gesundheit-adhoc.de/index.php?op=show&msgNr=3354


Pressemitteilung akzept

Ein gesundheitspolitisches Armutszeugnis -
Maßlose Enttäuschung über das schrittweise AUS der Heroinbehandlung

Berlin, 23 Februar 2008

Mit der Einstellung der Bundesförderung für jene Städte die an der Modellstudie zur Heroin-gestützten Behandlung teilnehmen sowie der bundespolitischen Tatenlosigkeit wird die Chance für eine moderne zukunftsorientierte Drogenpolitik vertan, so Prof. Dr. Heino Stöver, Vorsitzender des Bundesverbandes für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik, akzept e.V.

In mehrfacher Hinsicht ist das Ergebnis der Diskussionen und Handlungen auf politischer Ebene ein Armutszeugnis.

o Ein gesundheits- und sozialpolitisches Armutszeugnis, da die Erfolge die mit der heroingestützten Behandlung erzielt wurden, fahrlässig aufs Spiel gesetzt werden. Stattdessen müssen die Patienten wieder mit jenem Medikament behandelt werden (z.B.Methadon), das in der Vergangenheit nicht die beabsichtigten Erfolge erzielte.

o Ein ethisches Armutszeugnis, da man Menschen das Medikament vorenthält das für viele lebenswichtig ist und sie in eine Zukunft entlässt, die bisher durch Illegalität, gesundheitliche Gefährdung und gesellschaftliche Ausgrenzung gekennzeichnet war.

o Ein ökonomisches Armutszeugnis, da ein teures aber wirksames Medikament dauerhaft verwährt wird und stattdessen wesentliche höhere Kosten durch Beschaffungs-kriminalität, HIV und Hepatitis-Infektionen, Krankenhaus und Gefängnisaufenthalte zu erwarten sind.

Selten stieß eine neue Behandlungsform für Drogenkonsumenten auf ein solch einhellig positives Votum.

Es stimmt uns als Wissenschaftler, MitarbeiterInnen aus AIDS-und Drogenhilfen, Ärzte, Selbsthilfeaktivisten, Eltern- und Angehörige sowie Drogenkonsumenten nachdenklich, dass das Schicksal vieler zehntausend Heroinkonsumenten nicht wichtig genug erscheint, um Fachlichkeit und Menschenwürde Vorrang vor Ideologie und Ignoranz zu geben

Ohne die Förderung des Bundes bzw. die Übernahme der Behandlungskosten durch die Krankenkassen werden die Städte mittelfristig die Kosten dieser Behandlung nicht alleine tragen können und die Projekte nach und nach einstellen. Für jene, die vielfach zum ersten Mal eine erfolgreiche Behandlung erfahren haben ist diese Vorstellung das reinste Horrorszenario, so Urs Köthner Vorstand von akzept.

Noch ist die Tür für die Fortsetzung der heroingestützten Behandlung und die Zulassung von Heroin als verschreibbare Substanz noch nicht gänzlich zugeschlagen.

Aber die Zeit der guten Worte ist nun vorbei, es gilt öffentlichen Druck zu erzeugen, z.B im Rahmen der Frankfurter Drogenkonferenz, durch öffentliche Kundgebungen, durch Stellungnahmen der Fachverbände der Sucht,-Drogen und AIDS Hilfe, denn hier geht es um Menschenleben.

akzept e.V.
Der Vorstand
Prof.Dr. Heino Stöver, Dirk Schäffer, Urs Köthner
Kontakt: Dirk Schäffer,
Tel. 030-690 087 56,
dirk.schaeffer@dah.aidshilfe.de

Pressemitteilung zur aktuellen Drogenpolitik in Nordrhein-Westfalen

Mit fachlichem Entsetzen nehmen wir die angekündigte Verschärfung der NRW-Drogenpolitik zur Kenntnis.
NRW hat akzeptanzorientierte Drogenpolitik/-hilfe entscheidend mitgeprägt (Substitutionsbehandlung, niedrigschwellige Hilfeeinrichtungen, Konsumräume drogentherapeutische Ambulanzen, Heroinmodell).

In den vergangenen Jahren zeitigte dies deutliche Erfolge, die Verelendung sank, drogenabhängige Menschen wurden älter, stagnierende HIV-Infektionen, junge Menschen hatten eine reelle Chance eine Drogen-Probierphase gesundheitlich und sozial mit nur geringen Schäden zu überstehen - ja diese zu überleben.
NRW-PolitikerInnen feierten auch an dem diesjährigen Gedenktag für Drogentote (21. Juli) die sinkenden Todeszahlen.
Vielgerühmt als Pardigmenwechsel werteten PraktikerInnen der Drogenhilfe, Betroffene, ihre Angehörige und Freunde die Verankerung der Gleichwertigkeit der vier Säulen Prävention, Behandlung, Überlebenshilfe, Repression in dem Aktionsplan Drogen und Sucht 2002 der Bundesregierung als Ergebnis fundierten Wissens und veränderten Bewußtseins im Land.
Nun müssen wir konstatieren, dies war ein Irrtum – zumindest in NRW; während die Mittel für professionelle Hilfen seit Jahren gekürzt werden und die Unterstützung für Selbstorganisation/ Selbthilfe (JES NRW) in 2006 gänzlich gestrichen wurde, soll nun nach dem Willen von Ministerin Frau Müller-Piepenkötter die Repression ausgebaut werden – 14jährige Kinder und Jugendliche sollen wieder kriminalisiert werden, selbstverständlich zu ihrem Schutz!
Etliche in Auftrag gegebene wie unabhängige Studien bescheinigen unserer Gesellschaft miserable Entwicklungsbedingungen (Bildung, Ernährung, Gesundheit, Freizeitmöglichkeiten) insbesondere für Kinder und Jugendliche, die von Armut (z.B. durch Grundsicherung/Hartz IV) und/oder Migration betroffen sind.
Unberührt davon werden durch unsere gewählten Volksvertreter seit Jahren alle kompensatorisch wirkenden Ansätze verschlechtert, weggekürzt:

-Gruppen-, und Klassengröße in Kindergärten und Schulen sind zu hoch,

-es mangelt an Jugendzentren und anderen bezahlbaren Freizeit-Angeboten, an Unterstützung für Naherholungsmaßnahmen und Urlaube für arme Kinder und Jugendliche.

Statt sich mit den Bedingungen zu befassen, die die beklagten problematischen Drogenkosummuster von insbeondere sehr jungen KosumentInnen fördern und diese gegebenenfalls abzustellen, soll nun in NRW bei den KonsumentInnen mit „harter Hand durchgegriffen“ werden – das ist populistisch effektvoll, adäquate zielorientierte Drogenpolitik jedoch sieht anders aus.
Wird der Vorschlag von Frau Müller-Piepenkötter umgesetzt, müssen wir befürchten, dass in NRW die Politik wieder bereit ist, Entwicklungs-, und (Über-)Lebenschancen von jungen Menschen der Ideologie „Drogenfreiheit“ zu opfern.
Eltern, Angehörige und Freunde von Tausenden Cannabis-KonsumentInnen müssen wieder davon ausgehen, dass pubertärer Probierdrang ihrer Kinder mit Kriminalisierung und Desintegration „bezahlt“ wird, diese wieder verstärkt mit Strafverfahren, Inhaftierung etc. konfrontiert sein werden.
Wir schließen uns den Forderungen des Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit e.V. an:

Unterstützen wir die Arbeit der professionellen Sucht-/Drogenhilfe, indem wir dieser ausreichend Personal und finanzielle Mittel zur Verfügung stellen.
Die Prävention kann nur erfolgreich sein, wenn die Rahmenbedingen stimmen:

Fordern wir von unseren PolitikerInnen eine Familien-, Jugend- und Gesundheitspolitik, die ihren Namen verdient.

8.August 2007

akzept - Vorstand
Anabela Dias de Oliveira


Expertengespräch

'Weiterentwicklung der Substitutionsbehandlung' am 14.02.2007 in Berlin -

die Printversion der Dokumentation ist jetzt abrufbar bei akzept: mail an akzeptbuero@yahoo.de


 21. Juli 2007 - Nationaler Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige

Thema des diesjährigen 9. Nationalen Gedenktages für verstorbene Drogenabhängige ist die Forderung nach Übernahme der kontrollierten Heroinvergabe in das Regelangebot der Drogenhilfe in Deutschland.

Wie in den umliegenden Nachbarländern Schweiz und den Niederlanden wurde zuletzt in Deutschland in einer Studie (www.heroinstudie.de) die Wirksamkeit einer Heroinvergabe an sog. Schwerstabhängige überprüft. Wie auch in den ausländischen Arbeiten kam die deutsche Untersuchung zu einem positiven Ergebnis. Sowohl in medizinischer als auch in sozial-psychologischer Hinsicht konnten die TeilnehmerInnen der Studie nachhaltige Fortschritte verbuchen. Sie waren in dieser Hinsicht auch einer Kontrollgruppe, die parallel nur mit Methadon substituiert wurde, überlegen.
Dieses Ergebnis spricht für die Übernahme einer Heroinvergabe in das Regelangebot der Drogenhilfe. Es wäre eine notwendige Komplettierung dort, wo die bisherigen Substitutionsangebote bestimmte Gruppen der sog. Schwerstabhängigen nicht erreicht haben. Ein solches Angebot kann das Leid der einzelnen DrogenkonsumentInnen mindern (besserer Gesundheitszustand), aber auch die gesellschaftlichen Folgen der Drogenabhängigkeit reduzieren (weniger Kriminalität). Und auch wenn es paradox klingen mag: für etliche Heroinabhängige wird die Vergabe von Heroin der erste Schritt zur Abstinenz sein, alleine schon, weil sie aus dem gehetzten illegalen Leben einen Ausweg finden und Zeit für neue Perspektiven haben. Insofern ist eine durchdachte, konzeptionell eingebundene Heroinvergabe im Angebot der Drogenhilfe keineswegs gleichbedeutend mit einer drogenpoltischen Resignation und einem Zurückweichen vor dem Drogenproblem in der Gesellschaft.

Die Forderung nach einer kontrolierten Heroinvergabe wird nicht nur aus Fachkreisen, sondern auch aus anderen Teilen unserer Gesellschaft unterstützt. Es ist fachlich nicht nachzuvollziehen, dass Teile der Bundesregierung sich der Umsetzung dieses notwendigen Hilfsangebotes weiter widersetzen.

Auch in den 80er Jahren waren es zunächst die Nachbarländer, die mit flächendeckenden Methadon-programmen ein wichtiges, heute anerkanntes Hilfsangebot machten, bevor auch Deutschland diesen Weg ging. Es ist wünschenswert, dass die Geschichte sich auch an diesem Punkt wiederholt.

Die deutsche Bundesregierung muss die Konsequenzen aus dem positiven Ergebnis der deutschen Heroinstudie und den positiven Erfahrungen in anderen Ländern ziehen und zügig die gesetzlichen Voraussetzungen für den Einsatz von Heroin in der deutschen Drogenhilfe schaffen.

Gemeinsam mit dem Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierene Drogenarbeit e.V. und der Deutschen AIDS-Hilfe fordern wir daher die polititsch verantwortlichen Kräfte auf, die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse zur Heroinvergabe nicht länger ideologischer Vorbehalte wegen zu ignorieren.

Berlin, zum 21.07.2007

Ingeborg Schlusemann

akzept e.V.,Vorsitzende

Kommentar

Rückfall: Ende des Heroinprojektes politikeminenz- statt evidenzbasiert?
(Heino Stöver)


Die allerletzte Meldung aus der Politik ist zwar etwas tröstlich, doch sie täuscht nicht
darüber hinweg, dass wieder einmal nach dem Motto „Politik ignoriert (teure)
Forschungsergebnisse“ gehandelt wurde.
Zwar stimmt die Unionsfraktion im Bundestag der Verlängerung der Heroinabgabe an
etwa 300 Opiatabhängige in den sieben Städten (Hamburg, München, Karlsruhe,
Hannover, Köln, Bonn und Frankfurt) nun zu, aber eine Übernahme der Behandlung
Schwerstabhängiger mit Diamorphin (d.h. Heroin), in den Leistungskatalog der
gesetzlichen Krankenkassen, wie es die SPD fordert, wird es (vorerst) nicht geben.

Genau das wäre aber die logische Konsequenz aus den überzeugenden
Ergebnissen der Begleitforschung gewesen. Heroin ist für bestimmte Patienten das
dem Methadon deutlich überlegenere Medikament. Die multizentrische Studie hat bei
den HeroinpatientInnen eine deutliche Verbesserung des Gesundheitszustandes,
eine Aufgabe des mit dem intravenösen Drogenkonsum verbundenen
Risikoverhaltens, eine Stabilisierung der sozialen Situation und eine positive
Entwicklung der Arbeitssituation festgestellt (www.heroinstudie.de).

Was hindert die CDU also daran, Heroin als verschreibbare Substanz im
Betäubungsmittelgesetz zuzulassen, und damit einem erheblichen Teil verelendeter
OpiatkonsumentInnnen, die mit Methadon nicht gut zurechtkommen, gesundheitliche
und soziale Stabilisierungen zu ermöglichen?
Es ist vor allem das Abstinenzkonzept, das wieder Hochkonjunktur hat. Die
Verschreibung des Originalstoffs ‚Heroin’, ist für manche zu provokant, eine die
Alltagstheorien zu sehr widersprechende Behandlung. Dabei wird der Charakter der
Opiatabhängigkeit nicht verstanden: Abstinenz ist nicht für jeden, und vor allen nicht
für jeden zu jeder Zeit die einzige Option, um diese Krankheit zu bewältigen. Manche
brauchen Jahre, andere werden Zeit ihres Lebens mit Medikamenten (sei es aus der
Selbstmedikation oder der kontrollierten ärztlichen Vergabe) leben. Warum nicht? Die
Fixierung auf eine Substanzmittelfreiheit verstellt den Blick für die für viele erreichten
Erfolge: psycho-soziale und gesundheitliche Stabilisierung, mit sehr viel geringeren
Risiken was Kriminalität und sozialen Ausschluss angeht. Die beständige Frage nach
Abstinenz setzt Abhängige wie Behandler immer wieder unter unnötigen Druck und
verhindert ein ruhiges und nachhaltiges Management dieser chronisch
rezidivierenden Erkrankung. Bis jedoch der Zeitpunkt gefunden ist, aus der
Methadon-/Heroinverschreibung auszusteigen (ggf. auch weil die Abhängigkeit vom
Medizinsystem als belastend empfunden wird), müssen existentielle Schäden (wie
Überdosierungen, HIV/HCV-Infektion etc.) vermieden werden (‚harm reduction’). Das
Ziel der Abstinenz könnte sonst als nicht mehr erstrebenswert betrachtet werden.

Die eindeutig positiven Ergebnisse der Medikamentenprüfstudie, die zudem die
Erkenntnisse aus anderen Ländern bestätigen, in denen ebenfalls Heroin
verschrieben und erforscht wurde (v.a Schweiz, Niederlande, Spanien) müssen
genutzt werden zur Erweiterung der Behandlungsmöglichkeiten der
Opiatabhängigkeit. Das Leid der Betroffenen wird in Sonntagsreden oft beklagt,
warum vergibt man aber jetzt die Chance, die Reichweite, Haltekraft und Erfolge
medikamentengestützter Interventionen plus psycho-sozialer Betreuung deutlich zu
erhöhen? Siegt also doch wieder der Stammtisch in der Drogentherapie? Nicht ganz!
Selbst in der CDU gibt es mutige und engagierte Minister, die den
Radikalablehnungskurs ihrer Partei nicht mitgetragen haben, und zumindest der
Verlängerung der Heroinvergabe in den sieben Zentren zugestimmt haben. Die Tür
ist also noch nicht ganz zu - man könnte aus dem Rückfall lernen!


Es kommt Bewegung in die Substitutionsbehandlung – Eindrücke aus dem
Expertengespräch - "Weiterentwicklung der Substitutionsbehandlung"


Am 14.2. 2007 haben sich mehr als 50 eingeladene ExpertInnen aus allen Bereichen, die mit Substitution zu tun haben, in Berlin getroffen, um über Wege der quantitativen und qualitativen Weiterentwicklung der Substitutionsbehandlung in Deutschland zu diskutieren.
Auf Einladung von akzept e.V. und der Universität Bremen haben zunächst Eingangsreferate einen Überblick gegeben über i) den globalen Einsatz der Substitutionsbehandlung, ihre Bedeutung und ihre Ziele und die „lessons learned“ übertragen auf die deutsche Situation (Dr. I.I. Michels, Shanghai), ii) die Versorgungslage-/probleme und Veränderungsbedarf (Prof. Dr. Wittchen, Dresden), iii) Diversifikation der Substitutionsbehandlung - Substanzen und Effekte
(Dr. Uwe Verthein, Hamburg) und iv) die administrative, rechtliche Problematik in der
alltäglichen Praxis der Substitutionsbehandlung (Anke Follmann, Münster).

In allen Eingangsreferaten wurden deutlich: Es geht uns allen darum das Potential dieser überaus erfolgreichen Behandlungsform mit gegenwärtig ca. 65.000 PatientInnen noch stärker zu nutzen (mehr als die derzeit behandelnden ca. 2.700 Ärztinnen und Ärzte zu gewinnen, weitere settings zu erschließen wie Gefängnis, medizinische Reha), ihre Qualität die Behandlungsqualität zu verbessern (v.a. der interdisziplinäre Austausch und Kooperation zwischen Ärzten und psycho-sozialen Berufen, Abgabepraxis) und gleichzeitig Medikamentensicherheit zu gewährleisten.
Jede/r der ‚ReferentInnen’ hat abschließend Veränderungsbedarfe skizziert, die die Vorlage für die anschließenden Arbeitsgruppen bildeten. Hier zeigte sich dann die besondere Bedeutung dieses Expertengesprächs:
interdisziplinäre, multiprofessionell, verbands-/bereichs- und länderübergreifend wurden die zentralen Themen der Substitutionsbehandlung diskutiert: Deregulierung, um einerseits den PatientInnen mehr Handlungsspielräume im Alltag zu gewähren (z.B. Liberalisierung der take-home Regelungen), und andererseits die Behandlung attraktiver für ÄrztInnen zu machen. Kann dies erreicht werden wird man die Zahl der ÄrztInnen halten und ausbauen können – eine Grundvoraussetzung für jede Weiterentwicklung der Substitutionsbehandlung. Kreisläufe wurden deutlich, dass immer weniger ÄrztInnen immer mehr PatientInnen zu versorgen haben, was zwangsläufig zu Überbelastungen seitens der Ärzteschaft führen kann.
Dies wiederum birgt das Risiko (v.a. im ländlichen Bereich) z.T. im rechtlichen Graubereich arbeiten zu müssen. Medial wurden solche und andere Prozesse im Rahmen der Substitutionsbehandlung in letzter Zeit ausgeschlachtet, was nicht zum Imagegewinn dieser Therapie und wiederum dazu beigetragen hat, dass sich interessierte und qualifizierte ÄrztInnen von dieser Therapie fernhalten.
Mit diesem Treffen ist weitere Bewegung in die Diskussion um Behandlungsbedingungen und –modalitäten gekommen, die klar und transparent, überprüfbar, unbürokratisch, und den Ressourcen und Möglichkeiten v.a. der Patienten und den Alltagspraxisbedingungen der Behandler angepasst sind.

Bei all diesen Bemühungen den rechtlichen und professionellen Rahmen für die
Substitutionsbehandlung realitätstauglicher und effizienter zu gestalten fangen wir aber nicht bei Null an. Vorschläge sowohl zur Qualitätssicherung als auch zu rechtlichen Veränderungen und zur Bedeutung der psycho-sozialen Betreuung in der Substitutionsbehandlung bestehen bereits:
Das ASTO-Handbuch der LÄK Westfalen-Lippe ist so ein Beispiel für Qualitätsentwicklung in der ärztlichen Praxis und wird heute nicht nur in NRW sondern auch in Ba-Wü. von den Ärzten genutzt.
Übergreifend liegen ebenfalls zentrale Statements von ExpertInnen und Verbänden zur
Weiterentwicklung der Substitutionsbehandlung vor. Auf ihnen kann aufgebaut werden:

• „BERLINER ERKLÄRUNG zur Substitutoonsbehandlung des 8. Internationalen
akzept Kongresses in Berlin (siehe www.akzept.org)
• Deutsche AIDS-Hilfe: „Erklärung zur Substitutionsbehandlung zum Wohle der
PatientInnen“ (Feb. 2007)
• ebenso andere Dach- u. Fachverbände, wie z.B. der DGS, und der FDR.

Die Bewegung ist ermutigend, nach langer Zeit des Stillstands zeigt dieses übergreifende Treffen, dass bei diesem vielschichtigen Thema nur eine konzertierte Aktion weiterhilft, die Substitutionsbehandlung weiterzuentwickeln.

Die Frage der Einbindung der psycho-sozialen Betreuung im Rahmen der
Substitutionsbehandlung war ebenfalls Thema...

 

Zur aktuellen Entscheidung über die Fortsetzung der Diamorphinvergabe an die am Modellversuch beteiligten Personen hier die Presseerklräung der Deutschen AIDS-Hilfe:

Pressemitteilung
Deutsche AIDS Hilfe: Ein erster Schritt ist getan – Die Heroingestützte Behandlung wird fortgeführt.
Berlin, 19. Februar 2007: Der monatelange Widerstand der CDU-Bundestagsfraktion gegen die Fortsetzung der Heroingestützten Behandlung ist gebrochen.
"Die Fortführung der Behandlung mit Diamorphin in München, Hamburg, Karlsruhe, Hannover, Köln, Bonn und Frankfurt ist ein erster wichtiger Schritt" so Dr. Luis Carlos Escobar Pinzón, Bundesgeschäftsführer der Deutschen AIDS-Hilfe e.V.


Die positiven Ergebnisse der wissenschaftlichen Auswertung des Modellprojektes zur Heroingestützten Behandlung wie die gesundheitliche Stabilisierung, die Aufnahme einer Berufstätigkeit und die deutliche Abnahme des Delinquenzverhaltens hatten für eine überwältigende Zustimmung nicht nur seitens der in der Drogen- und AIDS-Arbeit aktiven Verbände und Akteure gesorgt.


„Bedauerlicherweise folgte dieser Richtungswechsel nicht der Einsicht, dass die Heroinbehandlung bei den meisten Patienten bessere Ergebnisse zeigte als die Methadonsubstitution, sondern ist dem immensen Druck aus der eigenen Partei und der Fachöffentlichkeit zuzuschreiben“ so Dr. Escobar Pinzón weiter.


Dass diese Zustimmung zur Fortführung der Heroingestützten Behandlung nur widerwillig erfolgt, drückt sich auch darin aus, dass es zu keiner Änderung des Betäubungsmittelgesetzes kommen soll und die Zulassung von Diamorphin als Medikament weiterhin verhindert wird.


„Wir sind noch nicht am Ziel“, so Dirk Schäffer, Referent für Drogen und Strafvollzug. „Neben der Fortsetzung der Behandlung für jene ca. 300 Personen, die derzeit therapiert werden, gilt es nun den Weg in die Regelbehandlung zu ebnen. Es ist gesundheitspolitisch und ethisch nicht vertretbar vielen anderen Heroinkonsumenten den Zugang zu dieser erfolgreichen Behandlungsform zu verwehren. "Heroin hat seine therapeutischen Potentiale bewiesen und muss folglich als Medikament zugelassen werden“ so Schäffer weiter.
An dieser Stelle gilt es für die Deutsche AIDS-Hilfe insbesondere jenen CDU-Politikern Anerkennung auszusprechen, die die ideologisch geprägte Haltung ihrer eigenen Partei nicht widerspruchslos hingenommen haben und stattdessen die vielfach lebenswichtige Notwendigkeit dieser Behandlungsform erkannten und in den Mittelpunkt ihres Engagements stellten. Neben vielen anderen sind hier die Baden-Württembergische Sozialministerin Dr. Monika Stolz, die Hamburger Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram und auch der hessische Ministerpräsident Roland Koch zu nennen.
Die Deutsche AIDS-Hilfe wird sich weiter für eine Verbesserung und Ausweitung der Heroingestützten Behandlung einsetzen und dabei die Unterstützung aller politisch und gesellschaftlich relevanten Akteure suchen. Dieser erste Schritt weist zumindest in die richtige Richtung.


Weitere Informationen und Interviewanfragen:
Deutsche AIDS-Hilfe e.V.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Ramona Hering
Fon 030 69 00 87 - 16
Email: ramona.hering@dah.aidshilfe.de

 

Zum Beschluss der Regierungskoalition, die Behandlung von Opiatabhängigen mit Diazetylmorphin (Heroin) nicht in die Regelversorgung für Schwerstabhängige zu überführen hier die Pressereklärungen von akzept, der DGS und Agenturmeldungen zu einem Pressegespräch der Drogenbeauftragten


Presseerklärung akzept


Wir sind entsetzt !
Als Angehörige und Freunde von Drogenkonsumenten, Betroffene, Wissenschaftler und professionelle Mitarbeiter des Drogenhilfesystems sind wir bei Akzept e.V. (Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik) gemeinsam aktiv für eine Verbesserung der Lebenssituation von Drogenkonsumenten, und –abhängigen.


Nach Jahrzehnten ausschließlich ideologisch bestimmter Drogenpolitik, fand Deutschland in den vergangenen Jahren zu wissenschaftlich und fachlich begründeten Positionen, die internationalen Standards entsprechen (niedrigschwellige Überlebenshilfen wie Substitutionsbehandlung und Konsumräume stehen im letzten Bundesaktionsplan Drogen und Sucht ebenbürtig neben abstinenzorientierten Ansätzen). Verbesserte Überlebensbedingungen, weniger Elend, rückgängige Neuinfektionen und Drogentodesfälle bestätigten den Veränderungsprozeß.


Diese fachlich pragmatische Grundhaltung ermöglichte die Erprobung des Heroinmodells. Die kürzlich veröffentlichten durchweg positiven Ergebnisse begründeten die Hoffnung auf eine weitere adäquate Ausdifferenzierung des Hilfesystems. Diese wäre nötig, denn immer noch gibt es HIV-Neuinfektionen und AIDS-Tote (die aktuellen Berichte des EBDD und Deutscher AIDS-Stiftung mahnen zu mehr AIDS-Aufmerksamkeit - mittlerweile sei auf Niveau von 1993 wieder erreicht, Frauen und Kinder jedoch zunehmend betroffen) .
Leider haben sich die gewählten VolksvertreterInnen durchgesetzt, die Ideologie vor Menschenleben setzen – ein Skandal.
Es steht zu befürchten, dass wieder Strafbedürfnisse Vorrang vor Humanität /Hilfe bekommen, so ist es an uns, die PolitikerInnen in die Verantwortung auch für das Leben dieser BürgerInnen (WählerInnen) zu nehmen!

akzept e.V.
Anabela Dias de Oliveira
für den Vorstand

 

 

 

 

DGS – Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin


Presseerklärung zum Beschluss der Regierungskoalition, die Behandlung von Opiatabhängigen mit Diazetylmorphin (Heroin) nicht in die Regelversorgung einzuführen
Berlin/Hamburg, 24.11.06. Die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS) hat mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Parteien der Regierungskoalition in Berlin beschlossen haben, Diazetylmorphin (Heroin) nicht in die Regelversorgung von Opiatabhängigen einzuführen.
Die bundesweite Studie unter Beteiligung von sieben Großstädten hat bewiesen, dass für die kleine Gruppe der Schwerstabhängigen Diazetylmorphin (DAM) deutliche Vorteile gegenüber der zugelassenen Substanz Methadon hat. Dies in Abrede stellen zu wollen, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.
Die Beobachtungen in der Schweiz und in den Niederlanden zeigen überdies, dass im Rahmen eines Gesamtkonzeptes, dass präventive, repressive, schadensmindernde und therapeutische Ansätze verbindet, wozu eben auch die legale Verordnung von DAM gehört, die Ausbreitung der Heroinabhängigkeit gestoppt werden kann. Deutlich wird dies am zunehmenden Durchschnittsalter der Opiatabhängigen in diesen Nachbarländern, wo die Zahl der Neukonsumenten dramatisch zurückgegangen ist.
Schließlich zeigen sämtliche Berechnungen, dass die Verordnung von Diazetylmorphin für die Gruppe der Schwerstabhängigen die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Heroinabhängigkeit zu senken hilft (siehe auch: Deutsches Ärzteblatt vom 17.11.06, URL am Ende dieser PM).
Die Regierungskoalition stellt sich mit ihrem Beschluss gegen die Mehrheit der bundesdeutschen Polizeipräsidenten, gegen die Bundesärztekammer, gegen die Magistrate der an der Studie beteiligten Städte und gegen die Mehrheit der bundesdeutschen Suchtexperten.
Zu einem Zeitpunkt, da Heroin aus Afghanistan europaweit für ein Überangebot sorgt und die Preise auf dem Schwarzmarkt deutlich fallen, ist die Verhinderung einer Behandlung mit Diazetylmorphin das völlig falsche Signal und dokumentiert ein mangelhaft durchdachtes drogenpolitisches Gesamtkonzept.
Die DGS fordert die Parteien der Regierungskoalition auf, diesen Beschluss zu überdenken: Im Interesse der Patienten, der beteiligten Großstädte und einer zukunftweisenden Drogenpolitik.
Kontakt:Jörg Gölz, Vorsitzender der DGS: 0172 - 38 44 705
Klaus Behrendt, Stellvertretender Vorsitzender der DGS: 0173 - 23 56 324


Siehe auch: http://www.heroinstudie.de
http://www.dgsuchtmedizin.de/aktuelles/index.html : Stellungnahme der DGS zum bundesdeutschen Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung
Heroinbehandlung von Opiatabhängigen: Die letzte Chance. Bühring, Petra. Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 46 vom 17.11.2006, http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=53503
Überangebot drückt Heroinpreise. (Financial Times Deutschland, 24.11.06)


http://www.ftd.de/politik/international/134891.html?nv=cd-topnews

 

 


Agenturmeldungen zum Pressegespräch der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing


Drogenbeauftragte warnt Union: Keine Verelendung in Kauf nehmen
Quelle: dpa, vom 24.11.2006 13:09


Berlin (dpa) - Das SPD-geführte Bundesgesundheitsministerium und die Drogenbeauftragte haben eindringlich an die Union appelliert, doch noch den Weg für eine Heroin-Therapie für hunderte Schwerstabhängige freizumachen. Mit einem endgültigen Beschluss gegen das Projekt würde die Koalition «die Verelendung» der Betroffenen in Kauf nehmen, sagte die Drogenbeaufragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), am Freitag in Berlin. Staatssekretärin Marion Caspers-Merk (SPD) sagte, ein «christliches Menschenbild» gebiete eine Fortführung dieser Therapien.


Nach wochenlanger Debatte hatte sich die SPD bei einem letzten Spitzengespräch der Fraktionschefs Volker Kauder (CDU) und Peter Struck (SPD) nach Angaben Caspers-Merks nicht durchsetzen können. Die Drogenbeauftragte der Unionsfraktion, Maria Eichhorn (CSU), hatte daraufhin mitgeteilt, dass nur bei den Menschen, die bereits in einem der auslaufenden Modellprojekte sind, die Behandlung zu Ende geführt werde. Eine Zulassung von Diamorphin (synthetischem) als Arzneimittel werde es mit der Unionsfraktion nicht geben.
Nach Angaben Bätzings kann somit noch an rund 300 Schwerstabhängige bis 1. Juli 2007 drei Mal am Tag kontrolliert abgegeben werden, sofern die Ambulanzen die Arbeit nicht vorher einstellen müssen, weil bei abnehmender Teilnehmerzahl die Kosten nicht mehr vertretbar sind. Weiteren geschätzten rund 1500 Schwerstabhängigen werde aber die Möglichkeit «genommen, eine wirksame Behandlung durchzuführen», sagte Bätzing. Nötig wäre eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes.


In Köln, Bonn, Frankfurt/Main, München, Karlsruhe, Hannover und Hamburg hatten Drogenambulanzen 2002 im Rahmen einer Studie begonnen, unter Aufsicht an jene zu verabreichen, bei denen andere Therapieansätze fehlgeschlagen waren. Bei 80 Prozent habe sich der Gesundheitszustand verbessert, 69 Prozent reduzierten den Konsum.
«Die Ergebnisse sind wissenschaftlich belegt, sie sind eindeutig»,sagte Bätzing.
Alle beteiligten Kommunen hätten per Brief um eine Fortführung gebeten, auch die Länder Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen und Hamburg wollten weitermachen, sagte Caspers-Merk. Die «letzten Chancen» seien nun ein Länderantrag im Bundesrat oder ein «Umdenken und mehr Sachbezug», sagte Caspers-Merk im Hinblick auf denKoalitionspartner.
Bätzing räumte ein, dass die Diamorphin-Behandlung drei Mal so teuer sei wie eine mit dem Ersatzstoff Methadon, den Suchtkranke auch mit nach Hause nehmen können. Pro Person beliefen sich die Mehrkosten auf 2000 Euro, insgesamt geht es also um bis zu 3 Milliarden Euro [Fehler wird hoffentlich noch korrigiert; richtig sind 3 Mio. Euro, A.K.]. Der Leiter der Studie, Christian Haasen, hatte gesagt, im Vergleich zur Methadonbehandlung seien die Erfolge bei der Heroinabgabe deutlich besser.
Bundesrat als letzte Chance für Heroin-Ambulanzen Caspers-Merk und Bätzing: Union will Schwerstabhängigen wirksame Behandlung vorenthalten


Quelle: APD, vom 24.11.2006 13:31 MAW9340 4 plx 389 APD5862 ;GE;x;O;00000280; DEU/Gesundheit/Heroindsa brn

 

 

Bundesrat als letzte Chance für Heroin-Ambulanzen


Caspers-Merk und Bätzing: Union will Schwerstabhängigen wirksame
Behandlung vorenthalten =
Berlin (AP) Drogenpolitiker der SPD haben der Union vorgeworfen,hochgradig Heroinabhängigen die Möglichkeit einer wirksamenBehandlung vorzuenthalten. Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Marion Caspers-Merk, und die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, kritisierten am Freitag in Berlin die Weigerung der CDU/CSU, nach einem aus ihrer Sicht erfolgreichen Modellversuch mit Heroin-Ambulanzen die kontrollierte Abgabe dieses Suchtmittels an Schwerstabhängige per Gesetz zuzulassen.
Nach Angaben der beiden SPD-Politikerinnen hat CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder eine entsprechende Änderung des Betäubungsmittelgesetzes in einem Spitzengespräch mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck am vergangenen Montag abgelehnt.
Damit sei eine Initiative der Länder über den Bundesrat die letzte Chance, die Heroin-Ambulanzen als reguläre Therapiemöglichkeit für die rund 1.500 Schwerstabhängigen zuzulassen, denen mit dem Ersatzstoff Methadon nicht geholfen werden konnte. Die Kommunen, die an dem Modellversuch teilgenommen hätten, verlangten dies ausdrücklich.
Zur Untersuchung der Wirksamkeit einer kontrollierten Heroinabgabe war 2002 ein Modellversuch in Köln, Bonn, Frankfurt, München, Karlsruhe, Hamburg und Hannover gestartet worden. Einbezogen waren 1.000 Schwerstabhängige. 500 von ihnen wurden mit Methadon behandelt, 500 erhielten drei Mal täglich eine Dosis Diamorphin,das ist synthetisch hergestelltes. Das Ergebnis war eine deutliche Überlegenheit der Heroinbehandlung: Laut Bätzing verbesserte sich der Gesundheitszustand bei 80 Prozent der mit Behandelten deutlich.
Allerdings ist die Heroin-Abgabe teurer, unter anderem, weil es drei Mal täglich kontrolliert in der Ambulanz gespritzt wird, während Methadon mit nach Hause gegeben werden kann. Experten verweisen jedoch auch auf erhebliche Einsparungen: die Beschaffungskriminalität gehe zurück, die Krankheitskosten würden sinken, viele Studienteilnehmer führten wieder ein geregeltes Leben oder wechselten in Abstinenzprogramme.
Die Jugendorganisation der Grünen warf der Union und vor allem ihrer drogenpolitischen Sprecherin Maria Eichhorn (CSU) vor, «mit ihrer ideologischen Drogenpolitik das Leid und den Tod hilfebedürftiger Menschen blindlings in Kauf» zu nehmen. Eichhorns Ignoranz gegenüber den wissenschaftlich bestätigten Vorteilen einer Heroinbehandlung sei nicht nachvollziehbar.


http://www.heroinstudie.de/

 

 

Das Thema Substitutionsbehandlung beschäftigt in diesem Jahr wiederholt die Medien, wobei der Tenor der Berichterstattung über Behandlungsfehler und vereinzeltes Fehlverhalten von Behandlern einer wenig informierten Leserschaft ein durchaus zweideutiges Bild dieser Behandlung vermittelt. Ein fachlich-sachliches pro-contra wird unterlassen zugunsten effekthaschender Einzelfallbeispiele.

Letztes Beispiel ist ein >> Artikel im SPIEGEL.
Artikel MDT: >> (pdf)
Erste Leserbriefe dazu: >> (pdf)

 


 

 

Bereits auf dem 8.Internationalen akzept-Kongress Berlin 2006 war die Substitutionsbehandlung ein Schwerpunktthema, als Arbeitsergebnis liegt die BERLINER ERKLÄRUNG >>(berl_erkl_akzept0406.pdf )vor.

Als folgerichtig nächsten Schritt bereiten die Uni Bremen und akzept in Zusammenarbeit mit und mit Unterstützung des Bundesministerium für Gesundheit ein Expertengespräch 'Weiterentwicklung der Substitutionsbehandlung' am 14.Februar 2007 in Berlin vor >>(pdf).
Ziel ist es, in einer 'konzertierten Aktion' von Fachleuten aller relevanten Organisationen die Möglichkeiten einer Verbesserung des Behandlungszuganges und der Qualität der Subsitutionsbehandlung zu erörtern und in konkrete Handlungsempfehlungen umzusetzen.

 

 

 

Der 3.Internationale Fachtag Hepatitis und Drogengebrauch

am 21./22.09.2006 hat in Bonn mit rund 100 Teilnehmern stattgefunden.

Nach den bisherigen Rückmeldungen waren Teilnehmer und Referenten mit Arbeitsatmosphäre und -Inhalten sehr zufrieden.Berichte dazu werden demnähst hir zu finden sein. Die Dokumentation des Fachtages soll bis Ende des Jahres 2006 erscheinen. Bestellungen können ab sofort an akzeptbuero@yahoo.de gerichtet werden.

 

 

 

 

Das Aktionsbündnis Hepatitis und Drogengebrauch

  • hat mit Förderung des BMGS ein
  • Handbuch Hepatitis C und Drogengebrauch - Grundlagen, Therapie, Prävention, Betreuung und Recht-
  • nach dem Vorbild des Schweizer Manuals HepCH erstellt. Das Manual ist zur Zeit vergriffen und vorübergehend nur als pdf von www.hepatitiscfachtag.org abrufbar.

    Eine überarbeitete Neuauflage wurde vom BMG genehmigt und wird ab Ende Oktober verfügbar sein. Bestellungen können weiterhin an akzept gesandt werden. Das Manual ist weiterhin kostenlos, die Kosten für Verpackung und Versand sind vom Empfänger zu tragen (ca. 5.00 €).

    Der 8. Internationale akzept Kongress Berlin 2006 fand vom 23. bis 25.März 2006 im Rathaus Schöneberg statt.

    Mehr als 170 Teilnehmer arbeiteten mit 49 Referenten und Workshopleiternin 21 Workshops zu den Themen des Kongresses.Als erstes wichtiges Kongress-Ergebnis wurde die

  • BERLINER ERKLÄRUNG zur Substitutionsbehandlung in Deutschland verfasst und an Empfänger der Fachöffentlichkeit gesandt:

    >> Berliner Erklärung_akzept 04.06.pdf

    >> siehe auch Hauptseite / Kongressankündigung

    >> Kongress Programm

    Die Kongressdokumentation wird allen Teilnehmern zugeschickt und kann bei akzept bestellt werden (email an buero@akzept.org).

    Im Rahmen des Kongresses wurde der erstmals ausgeschriebene akzept-Preis für innovative Konzepte, der Josh von Soer-Preis vergeben.

    Die Jury, bestehend aus den Mitgliedern des akzept-Vorstandes und als externem Mitglied Dr. Ingo-Ijla Michels erkannte den Preis aus 4 Nominierungen

    ASTRID LEICHT, Fixpunkt e.V. und Fixpunkt gGmbH Berlin zu.

    Nachstehend die Laudatio:

    Astrid Leicht ist jemand, die über 20 Jahre niedrigschwellige, akzeptierende Drogenarbeit entscheidend mitgestaltet, Drogenarbeit in den übergeordneten Zusammenhang kommunaler Gesundheitspolitik gestellt hat. Dabei hat sie persönlich entscheidenden Einfluss an der Neugestaltung, Ausdehnung von schadensminimierenden gesundheitsförderlichen Angeboten nicht nur in Berlin, sondern auch in einigen Bereichen auf nationaler, ja sogar auf europäischer Ebene. Sie hat akzeptierende Drogenarbeit ernstgenommen, bis zu Ende geführt (obwohl es das eigentlich nie gibt) und an den Bedürfnissen und Interessen der Zielgruppen orientiert. Sie hat Selbsthilfeförderung nicht nur auf die Fahnen geschrieben, sondern praktisch gefördert. Sie nimmt die Menschen ernst und spricht auch ihre Ressourcen an, die im Heilungs-, Reintegrations-, Stabilisierungsprozeß bekanntlich unerläßtlich sind.Beispielhaft, im wahrsten Sinne des Wortes, zu nennen sind:
    die Infektionsprophylaxe via Spritzenautomaten und Kontaktladen,

    • die mobile Gesundheitsarbeit,

    • Selbsthilfeförderung über den „Druckausgleich“

    • die „Erfindung“ von Gesundheitspädagogik im Drogenbereich für ganz unterschiedliche Zielgruppen (zu nennen das Substitutionshandbuch auf russisch)

    • die „Erfindung der Zahnprophylaxe für drogenkonsumierende Menschen

    • die Vernetzung und Verquickung dieser Angebote im Gesundheitspädagogikbereich mit sozialen, psychologischen und medizinischen Angeboten,

    • das frühzeitige Erkennen und Bearbeiten von existentiellen Bedrohungen für DrogenkonsumentInnen, z.B. Hepatitis C; das Entstehen des „Aktionsbündnisses Hepatitis und Drogengebrauch“ wäre ohne sie undenkbar

    • die praktische Arbeit an Drogennotfallpädagogik mit dem erstmaligen Einsatz von Naloxon (Abgabe an GebraucherInnen)

    • das engagierte Handeln mit neuen Kampagnen, z.B. Hepatitis-Impfkampagne

    • die Aufarbeitung bestimmter Zusammenhänge,

    • die drogen-/gesundheitspolitische Benennung von Missständen und die Einmischung

    • die Verschränkung von gesundheitspädagogischer, sozialer und medizinischer Hilfen,

    • die Vernetzung der Aufgaben und Arbeiten in verschiedenen settings, die die unterschiedlichen Lebensstadien Drogenabhängiger kennzeichnen (von der streetwork auf der Szene, bis hin zum Betreuten Wohnen für HIV-infizierte und and AIDS-erkrankte Menschen),

    • Die Optimierung der Gesundheitsversorgung für HIV-infizierte, AIDS-erkrankte Drogenabhängige (z.B. das internationale Projekt „Daily Dose“)

    • Ihre Arbeit als Fachbeiratsmitglied bei akzept.

    Ihr Ideenreichtum (als Geschäftsführerin) im Auftun neuer Fördertöpfe für den Fixpunkt) ist phänomenal, ihre Ausdauer, Beharrlichkeit, und Zuverlässigkeit beispielhaft, ihre Innovationskraft beeindruckend und ihr Networking unübertroffen. Nicht zufällig hat sie und ihr Team Projektnamen einem kleinen aber unbeugsamen gallischen Stamm entlehnt: „Idefix“, „mobilix“, stehen für Widerstand gegen übermächtige Kürzungen und Vernachlässigungen großer Teile von ökonomischen Verlierern dieser Gesellschaft, deren Arbeitsmarkt- und Gesundheitsreformen.

    Hätten wir nicht schon vorher einen Namen für diesem Preis ausgewählt – er hieße „Leichtix“.

    Wir freuen uns auf Deine Innovationen, von denen wir alle profitieren, vor allem aber unsere Zielgruppen; auf ein langes Engagement und weitere unbeugsame Jahre.


     

     

    akzept e.V. hat auf seiner Hauptversammlung 2005 einen neuen Vorstand gewählt, der jetzt aus fünf Personen besteht:

    Ingeborg Schlusemann, AMOC/DHV, Amsterdam, Vorsitzende

    Anabela Dias de Oliveira, Projekt Lüsa, Unna

    Régine Linder, bis Mai 2005 FASD|BRR|URD, Bern

    Frank Prinz Schubert, Chillout e.V., Potsdam

    Joachim Sieler, akzept Tübingen, Hechingen-Sickingen.

    Rikus Winsenborg kandidierte nicht mehr.

     

     


     

     

    21.07.05

    Nationaler Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige

    Am 21.07.05 gedenken wir - mit dem nationalen Protest- Aktions- und Trauertag im 7. Jahr der vermeidbaren Opfer einer seit Jahrzehnten in ihrem Kern fehldefinierten Drogenpolitik. Die falsche Grundannahme, Drogenprohibition und Kriminalisierung der GebraucherInnen sei Voraussetzung für gelingende Prävention.

     

    THE GENERAL ASSEMBLY OF
    ENCOD
    25 AND 26 JUNE 2005, BERLIN

    Einige der Ergebnisse der ENCOD Versammlung ( leicht gekürzter Bericht von Joep Oomen) :

    'We had a very good General Assembly in Berlin. Thanks to all participants (approx. 35 people from 13 countries) there was a good atmosphere in which we reached some progress.

    These are the major decisions:

    1. We will continue with the idea of the campaign for the Right to Grow, Possess and Consume Plants - and find sponsors and donors for that in the coming weeks. One way of doing that is to ask ENCOD members that are large enough (especially organisations) to consider increasing their membership fee to 500 euro/year. We still need 14.000 euro just to ensure the start of the campaign (best before 1 August 2005).

    2.Our future vision is to organise a big event in Vienna 2008, with general repetition in Vienna 2007. We will continue mobilising different actors (cannabis industry, harm reduction sector, local authorities and of course activists) to work towards that same goal.

    3. We envisage further political work around the Catania report, both on European and national level.

    4. We will work on a concrete proposal to obtain funding from the European Commission Health Commission in order to increase involvement of users in data collection on drugs.

    5. Concerning ENCOD's structure, we made the following decisions:

    A new steering committee was established, with 7 members:

    Artur Radosz - Poland
    Christine Kluge - Germany
    Farid Ghehioueche - France
    Joep Oomen - The Netherlands)
    Marina Impallomeni - Italy
    Virginia Montañes - Spain

    ....................... (we have asked someone to take the 7th place but will first get a definitive answer in one week from now)

    The work will be co-ordinated and organised by a staff group formed by Artur, Farid and Joep.

    6. Concerning the information channels, we decided to re-organise the mailing lists.

    7. Concerning ENCOD delegations: we will have stands on the hemp fairs of Barcelona and London in October/November, and maybe also Madrid (9/10 September).

    We will send a delegation of two, maybe three people to the DPA Conference in Los Angeles in November).'
    26.Juni 2005

     

    FRISCHER WIND IM EUROPÄISCHEN PARLAMENT

    Am 21.April 2005 fand im Europäischen Parlament in Brüssel ein Hearing zur zukünftigendrogen politischen Strategie der europäischen Union statt. Angesetzt war das Hearing auf Betreiben von ENCOD (EUROPEAN COALITION FOR JUST AND EFFECTIVE DRUG POLICIES) vom Committee on Civil Liberties,Justice an Home Affairs (LIBE).

    Seitens der Veranstalter ging es darum, die Verantwortlichen der Konzeption des neuen EU-Drogen-Aktionsplanes zur Berücksichtigung des Catania Report zu bewegen.

    Die Vorgeschichte:

    Im Dezember letzten Jahres verabschiedete das EU Parlament den ‚Catania Report’. In diesem Bericht werden grundlegende Änderungen in der Drogenpolitik der EU empfohlen. Jetzt ist es Aufgabe der EU-Verantwortlichen, diese Empfehlungen bei der Gestaltung der zukünftigen Drogenpolitik zu berücksichtigen.Der EU-Drogen-Aktionsplan (2005-2008) soll im Juni 2005 verabschiedet werden.

    Der Bericht drückt ganz klar die Notwendigkeit aus, das Gewicht vor allem und an erster Stelle auf Gesundheitsfür/-vorsorge zu legen und unnötige Repression zu vermeiden. Er eröffnet die Debatte darüber, ob es nach den Erfahrungen mit den bisherigen drogenpolitischen EU Strategien nicht sinnvoller wäre, das Dogma der Prohibition durch eine ausgewogene Herangehensweise auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und des gesunden Menschenverstandes zu ersetzen.

    Falls die EU die Empfehlungen des Catania Report übernähme, wäre das ein Schritt von grosser symbolischer Bedeutung; und zwar innerhalb Europas ebenso wie gegenüber den aussereuropäischen Staaten. Der Catania Report spricht eine neue, eine andere Sprache; wenn diese Eingang in die EU- Drogenpolitik findet, kann in vielen Ländern Europas die Debatte darüber beginnen, welche Auswirkungen dies für auf die nationale Drogenpolitik haben kann.

    Zur Unterstützung des Catania Report haben Aktivisten aus ganz Europa eine Unterschriftenkampagen ins Leben gerufen, die bereits in den ersten 4 Wochen 40 000 Unterzeichner fand.
    Diese Kampagne wird bis zum 15.Juni 2005 fortgesetzt:

    Unterzeichen Sie jetzt!

    Diese Petition soll den Verantwortlichen der EU am 15.Juni 2005 übergeben werden.

    Hier ein gekürzter Bericht über das Hearing von ENCOD (den vollständigen Bericht finden Sie auf http://encod.org/freshair.htm):

    Die Debatte wurde klar von den Befürwortern eines Wechsels in der Drogenpolitik dominiert und zwar seitens der Organisationen der Zivilgesellschaft ebenso wie der Verantwortlichen regionaler Verwaltungen und der europäischen Organisationen. Die EU-Verantwortlichen ignorieren diese Stimmen und versuchen weiterhin, die Aufmerksamkeit von Parlamentariern und der Öffentlichkeit überhaupt von den disaströs negativen Ergebnissen der gegenwärtigen Drogenpolitik abzulenken; auf diese Art und Weise können auch die Lektionen , die sich aus der bisherigen Drogenpolitik lernen lassen nicht umgesetzt werden.

    Nun wehte aber einmal ein frischer Wind im europäischen Parlament; erstmals in dessen Geschichte durften Zuhörer ungewöhnliche Fragen stellen und von ungewöhnlichen Lebensläufen berichten (ungewöhnlich jedenfalls für EU Bürokraten). So wurde es beispielsweise totenstill im Raum, als Mefisto aus Rom die Lebensgeschichte eines 23jährigen Süditalieners, Guiseppe, erzählte: dieser war wenige Monate zuvor wegen des Anbaus von drei Marihuanapflanzen in seinem Hof arrestiert und angeklagt worden. Dieser Vorfall stigmatisierte ihn in seinem kleinen Dorf derart,dass er sich schliesslich das Leben nahm.

    Gerd Leers, der Oberbürgermeister von Maastricht, einer kleinen Stadt an der niederländisch-deutschen Grenze, präsentierte seinen Vorschlag zur Beendigung des ‚Krieges’ gegen die Cannabis-Anpflanzer; dieser Krieg kostet seine Polizei pro Jahr 100 000 Arbeitsstunden: „Ich bin überzeugt davon, dass ein kontrollierter Anbau von Cannabis zu einer wesentlichen Verringerung der Kriminalität führen würde.“

    Zuvor hatte Massimo Barra vom Internationalen Roten Kreuz und der Stiftung Roter Halbmond seine Überzeugung begründet, dass die jahrelangen Erfahrungen mit Harm-Reduction-Programmen in Europa nur einen Schluss zulassen: wir brauchen diese neuen, couragierten Strategien nicht nur zum Wohl der Drogenkonsumenten sondern zum Wohl der Gesellschaft überhaupt.

    Die Positionen des Catania Report wurden durch dieses Hearing wesentlich bestärkt.ENCOD bereitet jetzt weitere Aktionen vor mit dem Ziel, die EU-Verantwortlichen zur Berücksichtigung des Catania Reportes bei der Gestaltung der zukünftigen Drogenpolitik zu bewegen.

    Die Pressemitteilung des Committee on Civil Liberties, Justice and Home Affairs:

    News Report : 22-04-2005

    Review of EU drug strategy and action plan for 2005-08
    On December 2004 the European Council approved the EU Drugs Strategy for 2005-2012, which consists of two consecutive 3-year action plans. On Thursday 21 April the European Parliament's Civil Liberties Committee held a public hearing, at which experts discussed the 2005-08 action plan unveiled by the Commission in February. Parliament will set out its views on this action plan when it adopts a consultation report later this year.

    Parliament has already given its opinion on the EU drugs strategy in a hotly contested report adopted last December by only seven votes. Giusto CATANIA (GUE/NGL, IT), who drafted the report, highlighted the failure of existing EU strategies for fighting drug consumption and backed an approach based on the "protection of lives and health of drug users". During this week's hearing, the representatives of the three main European institutions agreed that drug consumption and drug trafficking in Europe was a complex problem that must be tackled at European level using a multidisciplinary approach, since it involves different areas, such as public health, cross-border crime and the education of children.

    Chairing the Parliament debate, Antoine DUQUESNE (ALDE, BE) admitted "there is no miracle cure". Commissioner Franco FRATTINI quoted some figures from Eurobarometer stating that 71% of the public believe drug issues should be tackled at EU level. "There is at least an increased awareness that different national policies should move closer to one another", he said. "We have to work with scientific data and on a factual basis to avoid prejudice in this debate". On behalf of the Council, Mars DI BARTOLOMEO (Luxembourg Minister of Health) said a "multidisciplinary approach" to reducing drug consumption must always involve civil society and that professionals must also be consulted. During the hearing, Mr Duquesne decided to give the floor to members of the public who were present. Olivier HOFFMAN was one of those who took the floor to say that he and other drug users should have a bigger role in the decision-making process.

    It was then the turn of the experts to speak. Joep OOMEN (ENCOD, Antwerp) said "we should not continue with policies that we know don't work (...) Prohibition measures sometimes have a counter-productive effect". Marcel VAN HEX (Director of the Centre for Drugs and Alcohol Addiction, Limburg) pointed to a contradiction between the proposed EU action plan - which aims to reduce drug consumption with prevention policies rather than repression - and what actually happens in the Member States: "In Belgium 54% of the funding invested in combating drug abuse goes into security and repression and only 5% is really used for prevention".

    Some experts, such as Paul Griffiths (European Monitoring Centre for Drugs, Lisbon) highlighted the need to improve data collection in different Member States to get a complete picture of the situation. Others talked about the need to invest in education in schools to reduce drug abuse. Martine ROURE (PES, FR) said children should be a priority target of preventive measures. Massimo BARRA (Red Cross, Rome) looked at the links between drug dependence and poor social and living conditions and he asked politicians "not to use drug dependence as a weapon of political discussion among political opposition groups".

    The second part of the hearing focused on problems linked with drug trafficking and fighting cross-border organised crime. Various experts pointed to the complexity of problem and the need for alternative measures. Gerd LEERS, Mayor of Maastricht, explained the problems in the cross-border region of Meuse-Rhine. As the Netherlands has a different position towards soft drugs, there are 1.5 million drug tourists per year in Maastricht. Mr Leers called for better regularisation of supply to coffee shops saying "cannabis, like alcohol, is part of our society and, if it is better regulated, harm can be reduced".

    Paolo Borgna, public prosecutor from Turin, Italy, explained that in Europe judicial cooperation in the fight against organised crime was lagging behind. "The present system is slow" to recognise the complexity of cross-border crime, he said.

    Pauline METAAL of Transnational Institute, Amsterdam, said that future evaluation of the action plan needed improved harm-reduction measures. She added that "policies based on enforcement are bound to fail". Franco CORLEONE of Drugs Forum, Florence, called for alternative strategies, saying there was a need for policies of tolerance and social inclusion in drugs policy.

    Speaking for the Commission, Carel EDWARDS, Head of Drugs Unit, pointed out that there was an extremely narrow legal basis for the Commission to use in order to act on drug policy as this area was subject to subsidiarity and was dealt with at national level. "There is no consensus yet at national level on what to do with drugs problem" he said, adding "The Commission tries to have a balanced and not ideological approach".

    Winding up the hearing Mr Catania agreed, saying "a scientific approach should be taken as a basis for drugs policy, not an ideological one". He stressed that a distinction should be made between soft and hard drugs and that civil society must be involved.

    21.04.2005 Committee on Civil Liberties, Justice and Home Affairs

    In the chair: Antoine DUQUESNE (ALDE, BE), Martine ROURE (PES, FR)

    Press enquiries:
    e-mail: mandres@europarl.eu.int
    e-mail: libe-press@europarl.eu.int

    http://www2.europarl.eu.

    An Open Letter to the delegates of the Forty-eighth session of the Commission on Narcotic Drugs (CND)

    In a year when the United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) is chair of the governing body of the UN’s Joint Programme on HIV/AIDS (UNAIDS), we write to express concern about U.S. efforts to force a UNODC retreat from support of syringe exchange and other measures proven to contain the spread of HIV among drug users. Injection drug use accounts for the majority of HIV infections in dozens of countries in Asia and the former Soviet Union, including Russia, China, all of Central Asia, and much of Southeast Asia. In most countries outside Africa, the largest number of new infections now occurs among injection drug users. As UNODC director Antonio Maria Costa noted at the July 2004 International AIDS Conference, effective responses to injection driven AIDS epidemics require expanded HIV prevention, including syringe exchange, rather than policies that accelerate HIV infections through widespread and indiscriminate imprisonment.
    Unfortunately, recent events suggest that UNODC—under pressure from the United States—is being asked to withdraw support from proven HIV prevention strategies at precisely the moment when increased commitment to measures such as syringe exchange and opiate substitution treatment is needed. It is particularly alarming that the silencing of UNODC is occurring in a year when the agency is chair of UNAIDS’ Committee of Co-sponsoring Organizations and in a year when HIV prevention is a focus of thematic debate at the 48th meeting of the CND. Among the events that have particularly heightened our concern are:
    • Mr. Costa, who last year expressed support for positive changes in the Russian criminal code, expansion of syringe exchange in countries facing injection driven epidemics and other measures to reduce drug-related harm, has apparently been rebuked by the U.S. State Department. Following a meeting with Robert Charles, U.S. Assistant Secretary for International Narcotics and Law Enforcement Affairs, Mr. Costa pledged to review all UNODC electronic and printed documents for references to “harm reduction” and to be “even more vigilant in the future.”
      >
    • In Southeast Asia, UNODC has suspended a program that sought reduce drug users’ vulnerability to HIV prevention through approaches that emphasized public health and drug users’ human rights, rather than punishment.
    • Even syringe exchange, affirmed as an effective and essential part of HIV prevention by UNAIDS, WHO, and UN member nations, has become politically unpalatable. A November e-mail from a senior UNODC staff member asked junior staff to “to ensure that references to harm reduction and needle/syringe exchange are avoided in UNODC documents, publications and statements.”

    We recognize that UNODC is dependent on contributions from donor nations, and that the U.S. is the single largest donor to UN drug control. At the same time, the lives of hundreds of thousands depend on sound, scientific approaches to HIV prevention. Numerous studies, including U.S. government studies, have found that strategies such as syringe exchange and methadone maintenance demonstrably diminish HIV transmission and other health risks. The fact that U.S. delegates declare the evidence in support of syringe exchange “unconvincing,” as they did in last year’s CND session, should not be allowed to determine the course of the UN drug control and HIV prevention efforts, which are inextricably and essentially linked. Nor should UNODC—a co-sponsor of UNAIDS, and an agency with an essential role to play in the course of the HIV epidemic—be asked to refrain from public statements about needle exchange simply because they do not fall within the realm of what the U.S. deems acceptable.
    Strategies that attempt solely to achieve abstinence from drug use do not constitute an acceptable alternative to programs, such as syringe exchange, that help active drug users protect themselves from HIV/AIDS. Experience has shown that “zero tolerance” drug control efforts can have the effect of driving injection drug users underground and away from drug treatment and other health services. This is particularly true where, as in many countries, counter-narcotics efforts lead to false arrest, beatings and extortion by police, prolonged detention without trial, forced drug treatment, disproportionate incarceration in cruel conditions and, in some cases, extrajudicial execution. Programs such as syringe exchange and opiate substitution, by contrast, both prevent HIV infection and can provide a bridge to other health services. Restricting these programs is a blatant infringement of drug users’ human right to health.
    As you gather this year to debate HIV/AIDS prevention and drug abuse, we respectfully urge you to support syringe exchange, opiate substitution treatment and other harm reduction approaches demonstrated to reduce HIV risk; to affirm the human rights of drug users to health and health services; and to reject efforts to overrule science and tie the hands of those working on the front lines. No less than the future of the HIV epidemic is at stake.

    Akzept e.V.
    12.02.2005

    cc: Joint United Nations Programme on HIV/AIDS
    World Health Organization
    Office of the High Commissioner for Human Rights
    International Narcotics Control Board
    21.Juli -Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige
    (pdf)
     

    Ein Kommentar zum Spiegel 27/04

    Zurück zum kalten (Drogen-)Krieg

    In seiner Ausgabe 27./28.06.04 widmet sich der Spiegel einem nicht ganz neuen Thema: dem "Cannabiskonsum unter Jugendlichen". Neu für den Spiegel ist allerdings das Niveau des Berichtes "die Seuche Cannabis"- kein Unterschied mehr zur sensationslüsternen Regenbogenpresse.zu erkennen!
    Die Berichterstattung geht dabei mit Quellen, Belegen, Zitaten und Zahlen geradezu abenteuerlich um: Es zählt die Sensation, das Drastische, schwarz-weiß Malende, das holzschnittartige, nicht die differenzierte Information! Und diese wäre dringend nötig, um die Panikmache, die Angst, Verunsicherung und Ratlosigkeit im Umgang mit Drogen- und Suchtproblemen wirklich anzugehen! Nichts davon im Spiegel!

    Wird die geschilderte Problematik von den Verfassern ernst genommen, ist es u.E. unverantwortlich gegenüber betroffenen Jugendlichen